Donnerstag, 29. November 2018

Bewegte Zeiten

Es sind bewegte Zeiten. Alles ist im Fluss. Ständig verändert sich alles mögliche um mich herum und ich selbst verändere mich auch. Insofern lächele ich über den Titel der grossen archäologischen Ausstellung in Berlin "Bewegte Zeiten".


Nichtsdestotrotz fahre ich für ein Wochenende nach Berlin, treffe zwei Freundinnen aus meiner wildbewegten Vergangenheit und besuche die Ausstellung. Und bin beeindruckt. Mit der Schwerpunktsetzung auf Mobilität, Austausch, Konflikt und Innovation gelingt es den Ausstellungsmachern, die Unruhe und Aktivitäten vergangener Zeiten und Menschen greifbar zu machen. Klar meckert mein Archäologinnenherz bei manchen Vitrinen. Die Ausstellung ist vollgeknallt mit Funden, viel zu wenig drumherum Informationen, finde ich. Egal: die Funde sind beeindruckend, manche Inszenierungen grandios. Einige Fundstücke sind gar zum ersten Mal ausgestellt. Eine absolut sehenswerte Ausstellung.


Die zweite Ausstellung des Tages ist ganz anders bewegend: Welcome to Jerusalem im jüdischen Museum Berlin. Landkarten, Bilder äh Fotos aus Jerusalem durch die Zeiten. Die auch sehr bewegt waren und sind. Ich bekomme ein Gefühl für diese Stadt, in der ich noch nie war. Ein Blick auf die Stadt, der meinen durch Fernsehbilder von Unruhen geprägten Blick verändert, erweitert. Und mich in die Realität der durch die Vergangenheit geprägten Jetztstadt Jerusalem holt.



In die Realität der Zukunft bringt mich der anschließende Restaurantbesuch bei Good Bank. Auf der Expo 2000 in Hannover waren im Länderpavillion Niederlande Produktionsmethoden der Zukunft für Pflanzen/Nahrungsmittel vorgestellt. Gewächshäuser mit Pflanzen in Nährlösung, mit Tageslichtlampen. Und jetzt, 2018, stehe ich in Berlin in einem Restaurant bzw. eher einer Bar/Imbissbude. Glaskästen in Form von riesigen Kühlschränken, taghell erleuchtet, bilden den Hintergrund der Theke. Darinnen Paletten mit Salat, Salat, Salat. Oak Salat und Chocolat Salat. Frisch geerntet, also aus dem Gewächshausschrank geholt, landet der Salat in der Bowl.





Mittwoch, 28. November 2018

Festempfang, Geschäftsessen, Get together

Transfer und Kooperation heißt Firmenkontakte, Firmenkontakte, Firmenkontakte. Und das hat zur Folge, dass ich zu Veranstaltungen mit Essen eingeladen werde. Gestern Sparkasse, heute IHK, letzte Woche Regionalbeirat und Wirtschaftsforum. Überall ist ein kleines Buffet aufgebaut.


In meinem ersten Berufsleben war ich Hotelfachfrau. Ich weiß genau, was gute (Hotel-)Küche ausmacht. Und durch diese Geschäftsessen sehe ich, wie sich Gastronomie weiterentwickelt hat. Welche Speisen seit über 30 Jahren in dieser Form in den Warmhaltebehältern serviert werden, und welche Speisen neu dazu gekommen sind. Und welche einfach nur in neuen Gläsern serviert werden wie die Süßspeisen.

Die richtig große Innovation kann ich nicht erkennen. Die habe ich in Helsinki an der Uni gesehen. Zum Kaffee nachmittags gab es Smoothies statt Kuchen. Und das Essen war immer vegetarisch. Die Hochschule hat sich aus Klimaschutzgründen dafür entschieden nur noch vegetarisches Essen anzubieten. Ganz neue Geschmäcker, ganz andere Zutaten.








Montag, 26. November 2018

Mich selbst feiern

Bei mir ist es wie bei allen anderen Menschen auch: es gibt gute oder weniger gute Tage. Heute war so ein Tag, wo ich nicht weiß, ob es ein guter oder ein weniger guter Tag war. Viel Arbeit, wenige, aber gute Gespräche, eine schlecht geschlafene Nacht, ein leckeres Geschäftsessen. Ein durchwachsener Tag mit Tendenzen zu einem nicht so guten Tag. Um die Waagschalen auszugleichen, zünde ich die noch von meinem Geburtstag herum liegenden Kerzen an und feier mich selbst.


Sonntag, 25. November 2018

Seediensttauglichkeitszeugnis

Seediensttauglichkeitszeugnis. Deutsche Sprache eignet sich immer wieder gut für das Galgenmännchenspiel. Auf Englisch heisst es schlicht German Medical Certificate. Und genau das ist es auch. Das deutsche Zertifikat, dass ich gesund bin.
Auch wenn ich nur Hand für Koje auf der Alexander von Humboldt 2 fahre, also ehrenamtlich, und nur Kost und Logis auf der Alex frei habe, brauche ich doch die Bescheinigung nach STCW, dass alles mit mir physisch und psychisch in Ordnung ist.

Und wie das mit so Zertifikaten ist: damit darf ich nicht nur auf der Alex als Purser fahren, sondern auf jedem anderen Schiff auch über die Weltmeere schippern. Als Purserette (so lautet nämlich der korrekte weibliche Begriff) auf einem Expeditionsschiff mitfahren, dass käme meiner Abenteuerlust schon entgegen. Doch erstmal stehen nächstes Jahr zwei Alex-Törns an, und das Sicherheitstraining nach STCW muss ich auch noch absolvieren.

Samstag, 24. November 2018

Kaffee in Helsinki

Um die 10 kg Kaffee trinken die Finnen  (und Finninnen) im Jahr. Das schaffe ich auch. Von daher bin ich in Helsinki genau richtig. Nur die Preise hauen mich immer wieder um. 1-2 Euro mehr als in Deutschland für einen normalen Milchkaffee oder Latte Macchiato, in hübschem Ambiente gleich 3 Euro mehr. Das geht schon ziemlich in mein Reisegeld. Die hohen Preise erklären vielleicht auch, warum in vielen Cafes sowas wie (informelle und inoffizielle) Co-Working-Spaces existieren. Mehrere Leute mit Laptop, an einem Tisch, es ist nicht klar, ob die sich kennen, oder ob sie sich verabredet haben. Klar ist nur, alle drei, vier, fünf Personen, so wie sie da sitzen, arbeiten hart. Von den Einzelnen, die eher abseits in einer Ecke am Laptop arbeiten, gar nicht zu reden. Die ganze Innenstadt von Helsinki hat freies W-LAN, in den Cafes gibt es passwortgeschützte freies W-LAN. Draussen graues November-Wetter, drinnen weiches Licht, draussen nass und kalt, drinnen Wärme und eine angenehm ruhige Arbeitsatmosphäre. Mehrfach bin ich in solchen Cafes zu Besuch und fühle mich pudelwohl.




Ich könnte noch endlos über meine Erlebnisse in Helsinki schreiben. Über die Tangoschule, an der ich jeden Abend vorbeigegangen bin, die ganzen russischen Einflüsse, die ich wahrgenommen habe, inklusive der russischen Gespräche von Touristen um mich herum. Die ganzen Jugendstilhäuser, Häuserzeile um Häuserzeile. Jugendstil-Türen, Jugendstil-Verzierungen, Jugendstil-Innendekorationen. Jugendstil, der auf Finnisch nur Jugend heisst. Moderne finnische Architektur, finnisches Design. Der Deko-Overkill bei Marimekko. Und trotzdem kaufe ich jedem Kind eine Tasse mit passenden Servietten dazu. Die Mumins, als Tasse, als Cafe, als Schreibblock. Auch hier kaufe ich natürlich wieder ein Schreibheft, wie in jedem Land, das ich besuche. Und weil Weihnachten schon in denkbarer Nähe ist (und die Finnen einen Weihnachtsfimmel haben), kaufe ich meinen jährlichen neuen Weihnachtsbaumanhänger in Helsinki.

Fazit: Helsinki ist eine Reise wert, selbst im November.

Farbige Blickfänger vor dem Design-Outlet in Arabia

Tove Janson, die Erfinder der Mumins, muss eine beeindruckende Frau gewesen sein

Marimekko-Design bei Finnair

Selbst die Straßenbahn kriegt Fußbodenheizung

Wenn es um Weihnachten geht, haben die Finnen klare Vorstellungen. Schließlich wohnt der Weihnachtsmann in ihrem Land 

Und wieder mal Gin: Lonkero ist DER landestypische Cocktail. Gin und Grapefruitsaft. Mjam.



Sonntag, 18. November 2018

Staff Week in Helsinki

Staff WEEK trifft es nicht ganz, der Kurs an der Uni in Helsinki geht nicht die ganze Woche, sondern nur von Mittwoch bis Freitag.
Das Schöne an so einem Austausch ist für mich unter anderem die Erkenntnis, die anderen kochen auch nur mit Wasser. Ich arbeite zwar nur an einer kleinen Hochschule am Rande der Republik. Aber das, was wir mit unseren Möglichkeiten machen, ist up to date. Und manches ist an einer kleinen überschaubaren Hochschule leichter umzusetzen, als an den riesigen Excellenz-Universitäten. So fahre ich mit einem guten Gefühl wieder nach Hause, und habe gleichzeitig das theoretische Schema für eine Transfer-Strategie in der Tasche, das ich nur noch an die Gegebenheiten an der HOST anpassen muss.Was für mich als Input zum Thema Transfer und Kooperationen zwischen Hochschule und Unternehmen völlig reicht. Auch mein zweites Ziel habe ich erreicht. Einer der Hauptgründe für mich war ja, mein Englisch aufzupolieren. Und das gelingt mir auf jeden Fall. 30 Teilnehmer*innen aus ganz Europa, von morgens halb neun bis abends halb neun alles auf Englisch. Zuhören, mitschreiben, diskutieren, ein Poster erstellen. Die Leute von der Uni machen einen kleinen Wettbewerb daraus: wer hat das schönste Poster. Meine Gruppe gewinnt, nicht zuletzt aufgrund meiner grafischen Idee. Der Siegpreis ist ein Leuchtreflektor aus dem Logo der Universität Helsinki. Die Flamme des Wissen. Die Technik bzw. die Idee des Leuchtreflektors stammt aus Finnland.


Der Workshop findet im Hauptgebäude der Universität mitten in der Stadt, direkt am Senatsplatz, statt. Das Gebäude ist aus dem 18. Jahrhundert, was man an jeder Ecke sieht. Und gleichzeitig ist die Infrastruktur auf der Höhe des 21. Jahrhunderts.




Wie überhaupt Geschichte und Erinnerung hier hochgehalten wird. Das Fresko mit der Übergabe der Flamme des Wissens ist beim Bombardement im 2. Weltkrieg beschädigt worden. Wie passend: die Flamme des Wissens war in der Zeit nicht viel wert.


Mittwoch, 7. November 2018

Sauna in Helsinki

Schon beim Vorbereiten der Reise habe ich gesehen, dass direkt neben Hafen und Marktplatz eine öffentliche Sauna ist. So häufig sind öffentliche Saunen in Finnland wohl nicht mehr, da jeder eine eigene Sauna zuhause hat. Da will ich hin.

Allas Sea Pool. Sea Pool, weil das zweite Aussenbecken mit gereinigtem Wasser aus der umliegenden Ostsee mit der identischen Temperatur gefüllt ist.  Heute 6º Celsius. Der andere Aussenpool hat schnuckelige 27º C. Helsinki im November heisst diesig, bewölkt, nebelig, 7-10º C tagsüber. Trüber November eben. Und so ist es sonnenklar, äh nebelsicher, dass ich da heute hin gehe. Das ganze Gelände voll ökologisch, viel Holz, die Garderobenschränke aus recyceltem Hartplastik, alles ziemlich neu. Und klar, die Sauna finnisch solide, Männlein und Weiblein getrennt, dann kann man auch nackig in die Sauna, die gemischte Sauna ist nur mit Badeanzug oder -hose erlaubt.



Ich bin nachmittags in der Sauna, 16 Uhr geht die Sonne unter, da kann ich sowieso nicht mehr viel Sightseeing machen. Beim ersten Saunagang sehe ich durch das grosse Fenster die Fähre nach Suomenlinna, Motorboote, Ruderboote. Hafenleben. Ein irrer Ausblick,  wenn man selbst warm auf der Bank in der Sauna sitzt.

Beim ersten Mal traue ich mich nur in das warme Becken, nach dem zweiten Saunagang nehme ich all meinen Mut zusammen für das Ostseebecken. Der Badewärter mit dicker Daunenjacke und gelber Wollmütze begleitet mich zur Treppe. Ich gehe tapfer bis zur vorletzten Stufe, tauche zweimal unter. Das reicht! Meine Beine kribbeln und stechen vor Kälte. Beim anschliessenden Schwimmen im warmen Becken erfreue ich mich an den aufsteigenden Wassernebeln. Langsam fällt die Dämmerung ein, alles wird in ein warmes graues Licht getaucht, weichgezeichnet durch die verdampfenden Wasserschwaden. Ich schwimme meine Runden und bin völlig entspannt mit mir im Reinen.

Um mich herum ein Sprachengewirr. Ich höre französisch, russisch, deutsch, spanisch und finnisch. Untereinander sprechen wir auf Englisch miteinander. In dieser finnischen Sauna wird geredet, a lot of.