Mein Fahrrad ist weg! Oder doch nicht?
Heute morgen, Montag, komme ich aus der Tür, will mit dem Fahrrad zur Arbeit, doch mein Fahrrad ist weg. Steht weder vor noch hinter dem Haus. Geklaut? Oder doch nicht? Aber der Reihe nach. Samstag hatte ich ein emotionales Erlebnis zuviel, von einer ganzen Reihe von schönen und schwierigen Erlebnissen an diesem Tag. Fakt war, dass ich ziemlich viel geweint habe, viel mit mir gehadert habe, völlig belegt war, emotional, gedanklich, wie auch immer. Trotzdem hatte ich mich abends soweit gefangen, dass ich zu "Sing a Song" in der Baptisten-Gemeinde gegangen bin. Was schön war, auch wenn ich mit den zu christlichen Liedern dann doch ein wenig Probleme habe. Womit ich keine Probleme hatte, was wunderschön war, war der Chor Celebration aus der befreundeten Gemeinde in Mühlhausen, Thüringen. Wunderbare Lieder mit wunderbaren Texten. Über Masken, die man trägt, dass Gott einen so geschaffen hat, wie man ist, und es deshalb logisch ist, dass man so geliebt ist, so gewollt ist, wie man ist. Was in meiner psychischen Verfassung natürlich Labsal war, mich aber nicht unbedingt stabilisiert hat. Egal. Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder. Ich hatte mich mit einer Freundin verabredet zum Fest der AG Flüchtlingshilfe im Bürgergarten am Teich. Dort gibt es genug Gelände, dass ich eine gute Stunde am Teich sitzen konnte, aufs Wasser geschaut habe, und mich wieder beruhigt habe. Dachte ich. Habe mich ganz normal mit den Leuten unterhalten, die ich kenne, habe mit ein paar von den Flüchtlingen gequatscht, ein netter Abend. Und bin dann nach Hause. Der Bürgergarten ist so nah bei mir um die Ecke, dass ich da immer zu Fuß hingehe. Also bin ich auch zu Fuß nach Hause. Nur - hin bin ich mit dem Fahrrad. Da kam ich schließlich aus der Stadt. Jetzt kann ich nur hoffen, dass mein Fahrrad da heute Abend noch steht. In mir drin ist heute morgen gleich der ganze Film abgelaufen. Ärgern, Polizei, Anzeige, ärgern, neues Fahrrad besorgen, noch mehr ärgern. Dabei habe ich nur in meinem ganzen inneren Durcheinander vergessen, das Fahrrad Samstag Abend mit zu nehmen. Die ganze Geschichte macht mir nochmal klar, wie sehr emotionales Belegt- und Beschäftigt-Sein klares Denken und Wahrnehmen der Alltagsrealität beeinträchtigt.
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Montag, 19. Juni 2017
Donnerstag, 9. Februar 2017
Opfer und Täter
Mit Andrea nach Rostock gefahren zur Lesung von Alexandra
Senfft, Der lange Schatten der Täter. Sie berichtet von ihrer Aufarbeitung der
Geschichte ihrer Familie, mit einem Großvater, der für seine Schuld am Galgen
hingerichtet wurde. Von einer Großmutter, seiner Frau, die sie, die Enkelin, innig geliebt
hat, eine Oma, die eine ebenso überzeugte Nationalsozialistin wie ihr Mann war. Sie
erzählt von Menschen, in deren Familie der Mythos, die Trauer über die
verlorene Fabrik aufrecht gehalten wird, jedoch die Herkunft dieser Fabrik aus
Arisierung geleugnet wird.
Opfer des Nationalsozialismus. Dazu gehören für mich nicht
nur die ermordeten (und überlebenden) Juden, Homosexuellen und politisch
Verfolgten. Das reicht für mich bis zu den Kindern und Enkeln der Opfer und
Täter, zu Kriegskindern und Kriegsenkeln. Und, und, und. Transgenerationale
Vererbung.
Dabei: was heißt Opfer des Nationalsozialismus? Das klingt
so schön abstrakt. Opfer der in der Gesinnung des Nationalsozialismus
handelnden Menschen; Opfer der Männer und Frauen, die Täter, Mitläufer,
Nutznießer der Struktur, der Gesinnung Nationalsozialismus waren. Opfer der im
Sinne des Nationalsozialismus handelnden Menschen wäre eine sehr präzisere
Bezeichnung. Systeme handeln nicht aus sich. Auch der Kapitalismus sind du und
ich, die in diesem System konsumieren, unser Geld verdienen. Und Demokratie
sind auch wir, jede und jeder einzelnen. Doch da will ich gar nicht hin. Es
geht mir um die Opfer, hier die Opfer der Menschen, die im Sinne des Systems
Nationalsozialismus handelten.
Es ist so leicht, sich als Opfer zu fühlen, dann
sind immer die anderen schuld. Dass ich mich mit dieser Haltung zur Täterin
mache, vergessen die meisten. Ich handle, um Opfer zu bleiben, indem ich den
anderen die Schuld zu schiebe. Handeln hat mit tun, mit machen zu tun, ist ein
aktiver Prozess. Der mich damit zur Täterin werden lässt. Wenn ich Opfer
bleiben will, die diffus gefühlten Unstimmigkeiten in meiner Familiengeschichte
(oder nur in meiner Beziehung, seufz) nicht anspreche, nicht versuche, an zu
sprechen, aufzuklären, dann werde auch ich durch mein Nicht-Handeln zur
Täterin, denn ich gestalte mir das ja. Kriegskinder und Kriegsenkel haben so
immer Gestaltungsmöglichkeit. Vermutlich alle anderen auch. Das hat nicht mit
der Frage Schuld zu tun. Da ist klar: wer tötet, wer mordet, wer Gewalt deckt,
wer von Gewalt profitiert, macht sich schuldig. Womit ich schon wieder beim
Kapitalismus wäre. Denn wir in der Ersten Welt profitieren von der Ausbeutung
der Dritten Welt. Es ist nur nicht so sichtbar wie bei Arisierung.
Vermutlich
mache ich mich an mir selbst schuldig, wenn ich Opfer bleiben will. Ein weites
Feld.
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