Sonntag, 24. Mai 2020
The Euphoria of beeing
Wenn die Hauptperson schon Éva heißt, dann bin ich per se neugierig. Wenn der Film über eine 90jährige geht, die gebeten wird, gemeinsam mit einer professionellen Tänzerin ein Stück, eine Choreographie einzustudieren, bin ich ebenfalls neugierig. Wenn es darum geht, ein Trauma zu vertanzen, erst recht eins wie den Holocaust, wie Auschwitz, dann schaufel ich mir auf jeden Fall die Zeit frei. Und es hat sich absolut gelohnt. "The Euphoria of beeing" von Reka Szabo hat völlig zu Recht den Publikumspreis auf dem diesjährigen DokFest München gewonnen. Wie die 90jöhrige Éva Fahridi, einzige Auschwitz-Überlebende ihrer Familie, gemeinsam mit der Tänzerin Emese Cuhorka und der Regisseurin Réka Szabó die Choreographie entwickelt, wie Stück um Stück das persönliche Trauma Auschwitz sichtbar wird, das ist absolut sehenswert. Und immer respektvoll beiden Tänzerinnen gegenüber, immer liebevoll und lebenszugewandt. Alles was wir in der Schule über Auschwitz gehört haben, kommt in ihren Erinnerungen auch vor. Plus die Auseinandersetzung mit ihrem Vater, der seinen beruflichen Erfolg nicht aufgeben wollte und deshalb nicht aus Ungarn flüchtete, als noch Zeit war. Den Traumaheilungsprozess durch die Entwicklung der Performance zu erleben, die ungebrochene Lebenslust von Éva Fahidi, 90 Jahre alt, zu spüren, die anhaltende Trauer über die getötete Schwester wahrzunehmen. Das macht mich erneut entschlossen zu einem Nie Wieder. Und lässt mich gleichzeitig warm berührt von einem außergewöhnlichen Menschen zurück. Danke an die drei Frauen, Éva Fahidi, Emese Cuhorka und Réka Szabó, dass ihr diesen Film miteinander gemacht habt.
This Train I Ride
Wie oft bin ich schon am Bahnhof gestanden, und langsam, langsam ist ein Güterzug durchgefahren. Manchmal hat er auch mitten auf dem Bahnhof gehalten. Und IMMER war ich versucht, einfach aufzusteigen, mitzufahren, mich dem Abenteuer hinzugeben. Selbst mit über 35 noch, mit zwei kleinen Mädchen an meiner Seite, auf dem Velgaster Bahnhof. Einfach so aufsteigen und wie die amerikanischen Hobos mitfahren bis Stralsund.
Die Verlockung war immer da. Ich habe es nie gemacht. In Deutschland ist Trainhopping, Trainsurfing, Freightsurfing genauso wie S-Bahn-Surfen, U-Bahn-Surfen lebensgefährlich und meistens tödlich, dazu absolut verboten. In Deutschland gibt es keine Hobos. Gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr ist im Strafmaß ziemlich teuer und in Deutschland gibt es zuviel elekrifizierte Strecken, 15.000 Volt springen schon bei einer Entfernung von 1 m über.
U-Bahn-Surfen, genau wie S-Bahn-Surfen geht an mir vorbei, aber Güterzüge machen mich an. Der Gedanke, dort mitzufahren, vermittelt mir ein Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit, Abenteuer. Doch wie gesagt - in Deutschland gibt es keine Hobos. Umso begeisterter bin ich, dass beim DokFest München ein Film zu drei weiblichen Hobos dabei ist. Drei Frauen zwischen 20 und 40 hat der Filmemacher Arno Bitschy begleitet beim illegalen und auch gefährlichen Reisen mit Güterzügen quer durch die USA. Mit grandiosen Bildern von Landschaften und Zügen, mit tiefsinnigen Gesprächen und weisen Worten. Aber auch mit Hintergründen, warum die Frauen auf den Zügen unterwegs sind. Ich war nie so arm, oder so unzufrieden mit meinem Leben, dass ich dieses Risiko wie sie eingehen wollte. Und so ist es beim vielfältigen, bezahlten Reisen in Personenzügen geblieben. Ich weiß, wie groß Europa mit dem Zug ist, weiß, was es bedeutet 14, 18, 25 Stunden unterwegs zu sein mit dem Zug. Warschau, Paris, London, Kopenhagen, Nizza, Bozen, Umbrien, Prag, Wien, zuletzt Bologna, ich kenne das Gefühl, morgens aufzuwachen und in einem anderen Land zu sein, europäische Landschaften bebildert mit Zügen zu sehen. Diese Aufregung und Vorfreude auf neue Erlebnisse, neue Orte, neue Menschen. Der Film This Train I Ride erinnert mich an alle diese wunderbaren Gefühle und lässt das Fernweh wieder voll erwachen. Was ein toller Film!
Die Verlockung war immer da. Ich habe es nie gemacht. In Deutschland ist Trainhopping, Trainsurfing, Freightsurfing genauso wie S-Bahn-Surfen, U-Bahn-Surfen lebensgefährlich und meistens tödlich, dazu absolut verboten. In Deutschland gibt es keine Hobos. Gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr ist im Strafmaß ziemlich teuer und in Deutschland gibt es zuviel elekrifizierte Strecken, 15.000 Volt springen schon bei einer Entfernung von 1 m über.
U-Bahn-Surfen, genau wie S-Bahn-Surfen geht an mir vorbei, aber Güterzüge machen mich an. Der Gedanke, dort mitzufahren, vermittelt mir ein Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit, Abenteuer. Doch wie gesagt - in Deutschland gibt es keine Hobos. Umso begeisterter bin ich, dass beim DokFest München ein Film zu drei weiblichen Hobos dabei ist. Drei Frauen zwischen 20 und 40 hat der Filmemacher Arno Bitschy begleitet beim illegalen und auch gefährlichen Reisen mit Güterzügen quer durch die USA. Mit grandiosen Bildern von Landschaften und Zügen, mit tiefsinnigen Gesprächen und weisen Worten. Aber auch mit Hintergründen, warum die Frauen auf den Zügen unterwegs sind. Ich war nie so arm, oder so unzufrieden mit meinem Leben, dass ich dieses Risiko wie sie eingehen wollte. Und so ist es beim vielfältigen, bezahlten Reisen in Personenzügen geblieben. Ich weiß, wie groß Europa mit dem Zug ist, weiß, was es bedeutet 14, 18, 25 Stunden unterwegs zu sein mit dem Zug. Warschau, Paris, London, Kopenhagen, Nizza, Bozen, Umbrien, Prag, Wien, zuletzt Bologna, ich kenne das Gefühl, morgens aufzuwachen und in einem anderen Land zu sein, europäische Landschaften bebildert mit Zügen zu sehen. Diese Aufregung und Vorfreude auf neue Erlebnisse, neue Orte, neue Menschen. Der Film This Train I Ride erinnert mich an alle diese wunderbaren Gefühle und lässt das Fernweh wieder voll erwachen. Was ein toller Film!
Samstag, 23. Mai 2020
Corona-Chroniken
Der Blog ist im Augenblick still. Nicht weil ich zu wenig erlebe, sondern weil dass, was ich erlebe, (noch) zu intensiv ist, um in Worten ausgedrückt zu werden. Vielleicht auch nicht geeignet für Öffentlichkeit ist.
In meinem Umfeld gibt es Klagen, Bemerkungen, dass zu wenig passiert, dass es nichts zu berichten gibt, weil ein Tag dem anderen gleicht. Die Dienstreisen fallen weg, die Events finden nicht statt. Social Distancing heißt, man sieht keinen mehr persönlich, auch die Kolleg*innen nur noch per Telefon- oder Videokonferenz.
Ich finde nicht, dass zu wenig passiert, ich finde nicht, dass ein Tag dem anderen gleicht. Zum einen passiert ja doch einiges. Zum anderen weil in mir durch die Zeit für mich und die Ruhe Prozesse angestoßen werden, die ich im lärmenden normalen nichtcorona Alltag all zu gerne weggedrückt hätte. Geht ja. Die Aussenreize sind sonst so stark, die Welt so groß und bunt, da muss ich mich nicht mit mir und meinen tieferen Untiefen auseinandersetzen. Doch 10 Wochen Homeoffice, 10 Wochen keine persönliche Berührung, kein Hautkontakt, nicht mal ein Handschlag. Babys sterben, wenn sie nicht berührt werden. Das bringt mich in die - heilsame - Krise.
Durch die Extremsituation ist Zeit, sich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Mit meinen Ängsten und meinen Sehnsüchten. Ist Zeit, mir klar zu werden, über den Weg, den ich nach Corona weitergehen will. Nutze ich die Zeit, um die vielen Fäden aufzunehmen, die ich gesponnen habe, um Spiritualität zu leben. Und so gehe ich gestärkt aus dieser schwierigen Zeit hervor. Weil ich mich meinen Ängsten gestellt habe. Dinge zum Abschluss gebracht habe, Abschied genommen habe. Klarheit gewonnen habe. Dinge tue, die ich mir lange gewünscht habe. Es geht mir meistens gut mit dieser hohen Intensität. Aber sie produziert keine Blog-Texte, kaum Handybilder.
Vielleicht finde ich deshalb den arte-film Corona-Chroniken gleichzeitig gut und schwach. Weil meine 70 Tage Corona-Situation soo intensiv waren. Corona-Chroniken: Handyfilme von verschiedensten Menschen aufgenommen, zusammengesetzt von der Regisseurin Elke Sasse. Eindrückliche Bilder, das Leid der spanischen Krankenschwester, die eine Sterbende begleiten muss, da es nicht genug Intensivbetten gibt, die ganz klar die prekären Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen anspricht, der italienische Rettungswagenfahrer, der das Schlusswort hat, in dem er seine Erleichterung ausdrückt, dass der Notruf "nur" ein gefallenes Kind ist (was in nicht Corona-Zeiten die größte Katastrophe ist), der Künstler aus Brasilien, der Krebskranke aus dem Iran, der deutsche Lastkraftwagenfahrer, die australische Forscherin für Anti-Corona-Medizin in Frankreich, besonders eindrücklich das afghanische Flüchtlingsmädchen in einem Camp in Griechenland. Auch gut fand ich die französischen und deutschen Untertitel gleichzeitig. In der einen Stunde habe ich mehr Französisch aufgefrischt als an einem Wochenende in Paris.
ABER: wo ist die alleinerziehende Mutter, die neben Homeoffice auch noch Homeschooling stemmen muss, und das am besten sowohl aus Frankreich, als auch aus Spanien, Italien und Deutschland, und gerne auch aus Brasilien, Iran, Russland und dem Flüchtlingscamp. Was macht das mit Paaren, mit Familien, so eng miteinander zu leben so lange Zeit? Was ist gleich, was ist anders?
Wie ist das auf den Dörfern, in den Kleinstädten? Der Film zeigt nur Menschen in Großstädten. Auch da: Was ist gleich, was ist anders?
Es gäbe noch viele Corona-Chroniken zu berichten. Und mich interessieren auch die Folgen. Was verändert sich durch die Erlebnisse in dieser Zeit?
In meinem Umfeld gibt es Klagen, Bemerkungen, dass zu wenig passiert, dass es nichts zu berichten gibt, weil ein Tag dem anderen gleicht. Die Dienstreisen fallen weg, die Events finden nicht statt. Social Distancing heißt, man sieht keinen mehr persönlich, auch die Kolleg*innen nur noch per Telefon- oder Videokonferenz.
Ich finde nicht, dass zu wenig passiert, ich finde nicht, dass ein Tag dem anderen gleicht. Zum einen passiert ja doch einiges. Zum anderen weil in mir durch die Zeit für mich und die Ruhe Prozesse angestoßen werden, die ich im lärmenden normalen nichtcorona Alltag all zu gerne weggedrückt hätte. Geht ja. Die Aussenreize sind sonst so stark, die Welt so groß und bunt, da muss ich mich nicht mit mir und meinen tieferen Untiefen auseinandersetzen. Doch 10 Wochen Homeoffice, 10 Wochen keine persönliche Berührung, kein Hautkontakt, nicht mal ein Handschlag. Babys sterben, wenn sie nicht berührt werden. Das bringt mich in die - heilsame - Krise.
Durch die Extremsituation ist Zeit, sich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Mit meinen Ängsten und meinen Sehnsüchten. Ist Zeit, mir klar zu werden, über den Weg, den ich nach Corona weitergehen will. Nutze ich die Zeit, um die vielen Fäden aufzunehmen, die ich gesponnen habe, um Spiritualität zu leben. Und so gehe ich gestärkt aus dieser schwierigen Zeit hervor. Weil ich mich meinen Ängsten gestellt habe. Dinge zum Abschluss gebracht habe, Abschied genommen habe. Klarheit gewonnen habe. Dinge tue, die ich mir lange gewünscht habe. Es geht mir meistens gut mit dieser hohen Intensität. Aber sie produziert keine Blog-Texte, kaum Handybilder.
Vielleicht finde ich deshalb den arte-film Corona-Chroniken gleichzeitig gut und schwach. Weil meine 70 Tage Corona-Situation soo intensiv waren. Corona-Chroniken: Handyfilme von verschiedensten Menschen aufgenommen, zusammengesetzt von der Regisseurin Elke Sasse. Eindrückliche Bilder, das Leid der spanischen Krankenschwester, die eine Sterbende begleiten muss, da es nicht genug Intensivbetten gibt, die ganz klar die prekären Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen anspricht, der italienische Rettungswagenfahrer, der das Schlusswort hat, in dem er seine Erleichterung ausdrückt, dass der Notruf "nur" ein gefallenes Kind ist (was in nicht Corona-Zeiten die größte Katastrophe ist), der Künstler aus Brasilien, der Krebskranke aus dem Iran, der deutsche Lastkraftwagenfahrer, die australische Forscherin für Anti-Corona-Medizin in Frankreich, besonders eindrücklich das afghanische Flüchtlingsmädchen in einem Camp in Griechenland. Auch gut fand ich die französischen und deutschen Untertitel gleichzeitig. In der einen Stunde habe ich mehr Französisch aufgefrischt als an einem Wochenende in Paris.
ABER: wo ist die alleinerziehende Mutter, die neben Homeoffice auch noch Homeschooling stemmen muss, und das am besten sowohl aus Frankreich, als auch aus Spanien, Italien und Deutschland, und gerne auch aus Brasilien, Iran, Russland und dem Flüchtlingscamp. Was macht das mit Paaren, mit Familien, so eng miteinander zu leben so lange Zeit? Was ist gleich, was ist anders?
Wie ist das auf den Dörfern, in den Kleinstädten? Der Film zeigt nur Menschen in Großstädten. Auch da: Was ist gleich, was ist anders?
Es gäbe noch viele Corona-Chroniken zu berichten. Und mich interessieren auch die Folgen. Was verändert sich durch die Erlebnisse in dieser Zeit?
Freitag, 22. Mai 2020
The Whale from Lorino
Eine der guten Sachen bei Corona ist, dass Online viel mehr Filme verfügbar sind, UND ich die Zeit habe, mir was anzugucken.
Gestern also dokfest München. Es hat schon was Schräges, statt nach München zu fahren, mich aufzubrezeln, in die U-Bahn zu schwingen, zu einem Festivalkino zu fahren, vielleicht sogar zu bibbern, ob ich reinkomme, all die Kinorituale wie Chips und Eis zu vollführen, koche ich mir einen Kaffee, schnappe mir mein Strickzeug, setze mich gemütlich in mein Sofabett und logge mich ein. Immerhin kann ich wählen, ob ich einen Euro spende für das Kino, in das ich gegangen wäre.
München vor vielen vielen Jahren hat mich Kino gucken gelehrt. Als 22jährige Frühstücksserviererin, die nicht so recht wusste, wie es weitergehen soll in ihrem Leben, die um 14.30 Uhr spätestens Feierabend hatte, habe ich viel Zeit im Kino verbracht. In der frühen Abendvorstellung. Das Gefühl, einen Film fast alleine zu gucken, ist mir also vertraut.
The Whale from Lorino habe ich mir ausgeguckt aus dem Programm. Ich mag Dokumentationen über Tschukotka, überhaupt über indigene Völker nördlich des Polarkreises. Aber ich habe zu viele gesehen. Der Film ist nett. Aber nett ist die kleine Schwester von scheiße. Dabei ist der Film gar nicht soo schlecht. Immerhin habe ich mein Strickzeug nicht mal angerührt.
Die Lebenssituation der Einwohner*innen von Lorino kommt deutlich zum Vorschein. Die Armut, das Kämpfen um Leben und Würde. Die Bedeutung, die die Waljagd in ihrem Leben hat, ökonomisch und historisch-kulturell. Die in meinen Augen phänomenale Landschaft. Aber ich stelle mir immer wieder vor, wie der Film wäre, wenn er in meinem Heimatdorf Velgast gedreht worden wäre. Bis auf die Waljagd und die Landschaftsbilder wäre er inhaltlich mehr oder weniger identisch. Kinder in der Schule, im Museum, beim Spielen im Freien. Das Anschreiben im Laden, die Diskussionen des Paares über Geld und die Pläne zur Renovierung. Die alten Frauen, die Dorfdisko im Freien. Selbst die Nerzfarm lässt sich mit Bildern aus dem Kuhstall ersetzen und ändert nichts an der Aussage. Einzig die Waljagd, da weiß ich auf Anhieb keine analogen Bilder oder vergleichbare Geschichten. Ansonsten? Ich habe diese Bilder von Tschukotka schon oft gesehen, es ist nichts Neues dabei. Nur die Sequenz über Nau, die erste Frau, die berührt mich.
Gestern also dokfest München. Es hat schon was Schräges, statt nach München zu fahren, mich aufzubrezeln, in die U-Bahn zu schwingen, zu einem Festivalkino zu fahren, vielleicht sogar zu bibbern, ob ich reinkomme, all die Kinorituale wie Chips und Eis zu vollführen, koche ich mir einen Kaffee, schnappe mir mein Strickzeug, setze mich gemütlich in mein Sofabett und logge mich ein. Immerhin kann ich wählen, ob ich einen Euro spende für das Kino, in das ich gegangen wäre.
München vor vielen vielen Jahren hat mich Kino gucken gelehrt. Als 22jährige Frühstücksserviererin, die nicht so recht wusste, wie es weitergehen soll in ihrem Leben, die um 14.30 Uhr spätestens Feierabend hatte, habe ich viel Zeit im Kino verbracht. In der frühen Abendvorstellung. Das Gefühl, einen Film fast alleine zu gucken, ist mir also vertraut.
The Whale from Lorino habe ich mir ausgeguckt aus dem Programm. Ich mag Dokumentationen über Tschukotka, überhaupt über indigene Völker nördlich des Polarkreises. Aber ich habe zu viele gesehen. Der Film ist nett. Aber nett ist die kleine Schwester von scheiße. Dabei ist der Film gar nicht soo schlecht. Immerhin habe ich mein Strickzeug nicht mal angerührt.
Die Lebenssituation der Einwohner*innen von Lorino kommt deutlich zum Vorschein. Die Armut, das Kämpfen um Leben und Würde. Die Bedeutung, die die Waljagd in ihrem Leben hat, ökonomisch und historisch-kulturell. Die in meinen Augen phänomenale Landschaft. Aber ich stelle mir immer wieder vor, wie der Film wäre, wenn er in meinem Heimatdorf Velgast gedreht worden wäre. Bis auf die Waljagd und die Landschaftsbilder wäre er inhaltlich mehr oder weniger identisch. Kinder in der Schule, im Museum, beim Spielen im Freien. Das Anschreiben im Laden, die Diskussionen des Paares über Geld und die Pläne zur Renovierung. Die alten Frauen, die Dorfdisko im Freien. Selbst die Nerzfarm lässt sich mit Bildern aus dem Kuhstall ersetzen und ändert nichts an der Aussage. Einzig die Waljagd, da weiß ich auf Anhieb keine analogen Bilder oder vergleichbare Geschichten. Ansonsten? Ich habe diese Bilder von Tschukotka schon oft gesehen, es ist nichts Neues dabei. Nur die Sequenz über Nau, die erste Frau, die berührt mich.
Freitag, 8. Mai 2020
Awkward und gently
In der Schule habe ich Sprachen gehasst. Nicht zuletzt, weil es für mich eine riesige Anstrengung ist. Sprachen erschließen sich nicht von alleine, sondern erfordern Zeit und Mühe. Vokabeln lernen, Grammatik begreifen, Sprichwörter, Sprüche, bildliche Worte verstehen. Sprache hat für mich mit der jeweiligen Kultur zu tun, deshalb lerne ich sie sich auch leichter im jeweiligen Land, im Austausch, in lebendiger Kommunikation. Und über Geschichten, seien es Filme oder Bücher. Auf jeden Fall über einen Haufen Zeit-Investition. Ich bin so froh, dass es mir über die Jahre gelungen ist, mein Englisch soweit zu entwickeln, dass ich darin denken kann, mich darin flüssig bewegen kann, und erhalte es am Leben, indem ich, wenn möglich, englischsprachige Bücher lese.
Wenn ich ein ganzes Wochenende damit verbracht habe, Bücher auf Englisch zu lesen, fallen mir manchmal die deutschen Worte nicht ein. Was aber auch daran liegt, dass manche Worte zu viele Bedeutungen haben. Manche gefühlten Situationen sind für mich nur mit "awkward" zu beschreiben. Und manche Handlung ist mit "gently" am besten gekennzeichnet. Awkward mit schräg oder komisch zu übersetzen, trifft das Gefühl, dass in der Situation etwas nicht stimmig war. Es bedeutet gleichzeitig unbeholfen und peinlich, unangenehm und schwierig. Manche Situation ist eben awkward.
Gently dagegen heißt sanft, sachte, vorsichtig, behutsam, mit etwas schonend und langsam umzugehen. Ich wünsche mir mehr gently Umgang miteinander, das macht awkward Situationen einfacher für mich. Ich wünsche mir mehr sanften Umgang miteinander, das macht schwierige Situationen einfacher für mich. Die Übersetzung trifft einfach nicht die Fülle der jeweiligen Emotionen und Empfindungen. Gently hat für mich die Konnotation liebevoll, und bei awkward schwingt viel von Unbewusstheit mit. Sprache, Wörter, egal welcher Sprache, treffen halt immer nur einen Ausschnitt der Realität.
Wenn ich ein ganzes Wochenende damit verbracht habe, Bücher auf Englisch zu lesen, fallen mir manchmal die deutschen Worte nicht ein. Was aber auch daran liegt, dass manche Worte zu viele Bedeutungen haben. Manche gefühlten Situationen sind für mich nur mit "awkward" zu beschreiben. Und manche Handlung ist mit "gently" am besten gekennzeichnet. Awkward mit schräg oder komisch zu übersetzen, trifft das Gefühl, dass in der Situation etwas nicht stimmig war. Es bedeutet gleichzeitig unbeholfen und peinlich, unangenehm und schwierig. Manche Situation ist eben awkward.
Gently dagegen heißt sanft, sachte, vorsichtig, behutsam, mit etwas schonend und langsam umzugehen. Ich wünsche mir mehr gently Umgang miteinander, das macht awkward Situationen einfacher für mich. Ich wünsche mir mehr sanften Umgang miteinander, das macht schwierige Situationen einfacher für mich. Die Übersetzung trifft einfach nicht die Fülle der jeweiligen Emotionen und Empfindungen. Gently hat für mich die Konnotation liebevoll, und bei awkward schwingt viel von Unbewusstheit mit. Sprache, Wörter, egal welcher Sprache, treffen halt immer nur einen Ausschnitt der Realität.
Donnerstag, 23. April 2020
Familienzuwachs
Kind 1 will Tierärztin werden. Deshalb hat sie über Ostern ein zweiwöchiges Praktikum bei einem Deichschäfer gemacht. Zurück gekommen ist sie nicht mit zwei, sondern gleich mit drei Flaschenlämmern.
Und so gehören Emil, Olga und Hanne jetzt mit zur Familie. Und das alte Schaf freut sich, nicht mehr allein zu sein.
Sonntag, 5. April 2020
LTI
Wer erinnert sich noch an das Buch LTI von Viktor Klemperer?
LTI bedeutet Lingua Tertii Imperii. Sprache des Dritten Reiches.
Viktor Klemperer war Professor in Dresden (und nach dem Krieg an ein paar anderen Unis) von 1920-1935 und 1945-1960. Die Lücke macht schon klar, er war protestantischer Deutscher jüdischer Abstammung (um es mal ganz präzise auszudrücken). Berühmt sind seine Tagebücher, in denen er genau protokolliert, wie eine Einschränkung nach der anderen ab 1933 über ihn und seine Ehefrau, eine protestantische Deutsche arischer Abstammung (um es hier mal genauso präzise auszudrücken), hereinbrach. So wie jetzt über uns die ganzen Einschränkungen wegen Corona hereinbrechen.
Ich kann meistens verstehen, warum die Regelungen zur Eindämmung des Virus so sind wie sie sind. Angst macht es mir schon. Nicht alle sind für mich stimmig. Da ist für mich oft zu wenig Augenmaß und zuviel Polizeistaat drin. Viktor Klemperer hat diese Aufzeichnungen heimlich machen müssen, wäre er erwischt worden, wäre er mit dem Tode bestraft worden. Soweit sind wir noch (lange) nicht. Noch funktioniert öffentlicher Diskurs, besteht Meinungsfreiheit. "Nur" Versammlungsfreiheit, Freiheit der Berufsausübung, Reisefreiheit, solche Grundrechte sind bis jetzt beschränkt worden.
Viktor Klemperers Grundthese in LTI ist, dass sich in der Sprache die Gesinnung ausdrückt, und Wortwahl und Wiederholung eindrücklich die Realität in einer Gesellschaft prägen. Er dekliniert das sehr präzise an den verschiedensten Worten und Wortgruppen durch, die in der Zeit der Dritten Reiches neu auftauchen oder vermehrt auftauchen. Insofern lassen mich manche neu aktiven Worte zusammenzucken: Ausgangsbeschränkung, Passierschein, nationale Notfallproduktion. Wenn schon bitte, europäische Notfallproduktion. Oder gilt die Vision des geeinten Europas in diesen Krisenzeiten nicht mehr? Ausgangsbeschränkung ist nicht Ausgangssperre, immerhin.
Solche Wörter sind Lichtblitze, die für mich nicht von einem Leuchtturm, der einen sicheren Hafen verspricht, ausgesendet werden. sondern von Notfeuern, die zu schnell von Freibeutern, Piraten der Demokratie für ihre Zwecke ausgenutzt werden können. Sprache ist mächtig, das weiß ich nicht zuletzt von den ganzen Diskussionen um das Gendern, dem sichtbar oder unsichtbar machen von Frauen. Oft wird die Wirkmächtigkeit von Sprache unterschätzt und LTI führt eine Menge guter bzw. drastischer Beispiele dafür an.
Also - wehret den Anfängen, passt auf eure Wörter auf!
LTI bedeutet Lingua Tertii Imperii. Sprache des Dritten Reiches.
Viktor Klemperer war Professor in Dresden (und nach dem Krieg an ein paar anderen Unis) von 1920-1935 und 1945-1960. Die Lücke macht schon klar, er war protestantischer Deutscher jüdischer Abstammung (um es mal ganz präzise auszudrücken). Berühmt sind seine Tagebücher, in denen er genau protokolliert, wie eine Einschränkung nach der anderen ab 1933 über ihn und seine Ehefrau, eine protestantische Deutsche arischer Abstammung (um es hier mal genauso präzise auszudrücken), hereinbrach. So wie jetzt über uns die ganzen Einschränkungen wegen Corona hereinbrechen.
Ich kann meistens verstehen, warum die Regelungen zur Eindämmung des Virus so sind wie sie sind. Angst macht es mir schon. Nicht alle sind für mich stimmig. Da ist für mich oft zu wenig Augenmaß und zuviel Polizeistaat drin. Viktor Klemperer hat diese Aufzeichnungen heimlich machen müssen, wäre er erwischt worden, wäre er mit dem Tode bestraft worden. Soweit sind wir noch (lange) nicht. Noch funktioniert öffentlicher Diskurs, besteht Meinungsfreiheit. "Nur" Versammlungsfreiheit, Freiheit der Berufsausübung, Reisefreiheit, solche Grundrechte sind bis jetzt beschränkt worden.
Viktor Klemperers Grundthese in LTI ist, dass sich in der Sprache die Gesinnung ausdrückt, und Wortwahl und Wiederholung eindrücklich die Realität in einer Gesellschaft prägen. Er dekliniert das sehr präzise an den verschiedensten Worten und Wortgruppen durch, die in der Zeit der Dritten Reiches neu auftauchen oder vermehrt auftauchen. Insofern lassen mich manche neu aktiven Worte zusammenzucken: Ausgangsbeschränkung, Passierschein, nationale Notfallproduktion. Wenn schon bitte, europäische Notfallproduktion. Oder gilt die Vision des geeinten Europas in diesen Krisenzeiten nicht mehr? Ausgangsbeschränkung ist nicht Ausgangssperre, immerhin.
Solche Wörter sind Lichtblitze, die für mich nicht von einem Leuchtturm, der einen sicheren Hafen verspricht, ausgesendet werden. sondern von Notfeuern, die zu schnell von Freibeutern, Piraten der Demokratie für ihre Zwecke ausgenutzt werden können. Sprache ist mächtig, das weiß ich nicht zuletzt von den ganzen Diskussionen um das Gendern, dem sichtbar oder unsichtbar machen von Frauen. Oft wird die Wirkmächtigkeit von Sprache unterschätzt und LTI führt eine Menge guter bzw. drastischer Beispiele dafür an.
Also - wehret den Anfängen, passt auf eure Wörter auf!
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